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Vegan Stillen und vegane Beikost im ersten Lebensjahr Ein Erfahrungsbericht
"Stillen ist das Beste für Mutter und Kind" - diesen Satz liest man schon als Schwangere sehr oft, obskurerweise sogar in Werbebroschüren von Herstellern künstlicher Säuglingsnahrung. Für mich war, schon lange bevor ich mich über all die Vorteile des Stillens, eventuell auftretende Schwierigkeiten und deren Beseitigung informiert hatte, klar, daß ich mein Kind stillen wollte. Von Anfang an und ohne mir ein zeitliches Limit zu setzen. Die Vorstellung, mein Kind in meinen Armen zu halten und ihm nicht nur Wärme und Nähe sondern auch Nahrung geben zu können war für mich, obwohl selbst nicht gestillt als Baby, einfach wunderschön.
Der Anfang war allerdings, wie bei so vielen jungen Müttern, schwer. Ich hatte mein Kind im Krankenhaus geboren bzw. wurde durch einen ungeplanten Kaiserschnitt von ihm entbunden (wer das erlebt hat, begreift die Bedeutung des Wortes "Entbindung" als sehr viel gewichtiger).
Erst nach zwölf Stunden war ich kräftig genug, meinen Sohn das erste Mal allein im Arm zu halten, und erst da wurde er mir auch das erste Mal zum Stillen gebracht. Es war mitten in der Nacht, Hektik auf der voll belegten Entbindungsstation, ich hörte von draußen das Klingeln aus den anderen Zimmern. Eine gestreßte Kinderkrankenschwester zog mich im Bett hoch, stellte das Kopfteil auf, legte mir mein Kind in die Arme und versuchte, meine linke Brust in der einen und den Kopf meines Kindes in der anderen Hand, irgendwie Brustwarze und Kindermund zueinander zu bringen. Nach einigen erfolglosen Versuchen meinte sie entnervt: "Entschuldigung, ich habe keine Zeit heute Nacht, versuchen Sie es doch einfach allein weiter." Da saß ich nun also,
konnte mein Kind das erste Mal ganz für mich allein betrachten und innerhalb weniger Sekunden drehte er seinen Kopf in Richtung Brust, die ich ihm nur etwas anbieten musste - schwups, schon saugte er, ganz so, als ob er nur darauf gewartet hätte. Die Augen wanderten dabei konzentriert von rechts nach links, die Händchen hielten die Brust fest... - in dem Moment war es um mich geschehen. Ich hatte zwar vorher schon gelesen vom "Bonding" und wie wichtig das ist, aber erst in dem Moment dieser absolut intensiven Zweisamkeit durfte ich es selbst erfahren. Wir hatten eine schwere Geburt gehabt und unser Mutter-Kind-Dasein hatte nicht so begonnen, wie ich es mir erwünscht hatte, aber schon bei dieser ersten Stillbegegnung soviel davon wieder gutgemacht. Damals fühlte ich mich von der Krankenschwester allein gelassen, heute bin ich sogar dankbar dafür, daß sie nicht weiter an uns beiden rumzerrte und wir die Ruhe hatten, die wir offensichtlich gebraucht hatten.
Schon am nächsten Tag wußten natürlich alle Schwestern der Station und auch die Ärzte bescheid, daß ich vegan lebe - ja und das war natürlich für viele ein riesiges Problem. "Vegan stillen? Das geht doch gar nicht, Sie ernähren sich doch gar nicht ausgewogen!" Dieser Eindruck wurde natürlich immens dadurch verstärkt, daß die Krankenhausküche es nicht schaffte, mir etwas Veganes zu kochen und ich mich die vier Tage im Krankenhaus von belegten Broten, ab und an Müsli und natürlich Obst ernährte. Die Schmerzen an der OP-Wunde machten mich zusätzlich fertig, ich war so gestreßt, daß es mir so gut wie nie gelang, Jalan ohne Hilfe anzulegen, immer wieder drehte er den Kopf weg, machte sich steif, weinte. Ich war am Verzweifeln; als am dritten Tag die Kinderärztin kam und mir sagte, mein Kind brauche nun dringend etwas mehr Flüssigkeit als meine Vormilch, wollte ich ihm Tee geben. Doch die Schwestern redeten auf mich ein, daß ich nun "halt doch mal ein Fläschchen geben" solle, Tee zu reichen sei im Krankenhaus nicht üblich und sowieso nicht möglich und überhaupt müsse nun doch mal langsam der Milcheinschuß kommen bei mir, das liege bestimmt nur an meiner mangelhaften Ernährung und vielleicht würde ich nie genügend Milch haben für mein Kind.
Glücklicherweise waren einige wenige unter den Krankenschwestern, die mich aufbauten, mir rieten, mein Baby noch öfter anzulegen und mir versicherten, daß auch andere Mütter am dritten Tag nach der Geburt noch keinen Milcheinschuß haben, der aber bestimmt noch käme. Sie sollten (natürlich) Recht behalten. Am nächsten Tag waren meine Brüste zum Platzen voll. Mittlerweile aber war ich so verunsichert, daß fast gar nichts mehr ging; vor jedem Stillen musste ich eine Schwester bitten, mir dabei zu helfen, Jalan an die Brust zu legen, und als der zuständige Arzt am Morgen meinte, ich könne nun nach Hause gehen, bekam ich von Seiten des Pflegepersonals noch mal immens Druck gemacht: ich solle direkt vom Krankenhaus aus erst in die Drogerie fahren, um meinem Kind Flaschennahrung zu holen ("so was muß man
einfach mal daheim haben") und danach noch in die Apotheke, eine Waage ausleihen, um mein Kind jederzeit wiegen zu können. Ich tat nichts davon, das einzige, was ich aber direkt im Auto tat, war, meine Hebamme anzurufen, die auch kurze Zeit, nachdem wir nach Hause gekommen waren, bei uns eintraf. Sie befühlte meine Brüste, bestätigte mir noch mal, daß ich mehr als genug Milch hatte und mein Kind sich schon nehmen würde, was es braucht. Auf mich allein gestellt und ohne die Hektik im Krankenhaus schaffte ich es innerhalb kürzester Zeit, Jalan wieder alleine anzulegen. Unsere erste (und bis heute einzige) Stillkrise hatten wir damit überwunden.
In den folgenden Wochen lernte ich, mich ganz auf mein Kind einzustellen, nicht nach der Uhr zu sehen, wann die nächste Stillmahlzeit fällig war, sondern ihn immer dann zu stillen, wenn er unruhig wurde. Es pendelte sich niemals der vielgepriesene vier-Stunden-Rhythmus ein, denn Jalan trank immer nur eine Brust leer. So war die nächste Stillmahlzeit dann schon meist nach ein einhalb bis zwei Stunden fällig. Am Anfang war das natürlich sehr schwer, mehr als einmal war ich gerade nachts am Rand der Verzweiflung und fragte mich, wie lange ich das noch durchhalten würde, so oft wach sein zu müssen. Doch da Jalan bis auf wenige Stunden ganz zu Anfang immer mit mir in einem Bett schlief, lernten wir bald, im Liegen zu Stillen, so daß weder er noch ich richtig aufwachen mussten und schon beim Stillen wieder einschlummerten. Erst später erfuhr ich, daß ständiger Körperkontakt zum Kind und Stillen nach Bedarf (also im Zweifelsfall häufiges Stillen ;-)) dafür sorgt, daß bei der Mutter vermehrt Hormone produziert werden, die nicht nur die Milchbildung positiv beeinflussen sondern auch dafür sorgen, daß sie gelassener wird und kritische Situationen wie z.B. häufiges nächtliches Aufwachen und langes Schreien des Babys besser ertragen kann. Mit kritischen Fragen musste ich natürlich weiterhin leben, zum einen denen, die wohl jede junge Mutter zu hören bekommt: "Was, er schläft noch nicht durch? Ja, wie oft stillst du ihn denn?" und dann eben auch "Aber Stillen zehrt doch, fehlt dir nicht etwas, wenn du als Veganerin stillst?" Die ersten Wochen nach der Entbindung nahm ich auch rapide ab, trotz sieben bis acht Mahlzeiten am Tag, doch nach drei Monaten war es auf einmal vorbei mit der Gewichtsabnahme. Seit diesem Zeitpunkt muß ich auf mein Gewicht achten wie die meisten anderen Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft auch. Da ich immer noch zirka drei Kilogramm mehr habe als zu Beginn der Schwangerschaft und damit alles andere als zu dünn bin, Jalan außerdem immer noch so oft wie möglich trage anstatt im Kinderwagen zu schieben (also auch nicht vor mich hin darbe), haben die Fragen nach veganer Ernährung in der Stillzeit mittlerweile ganz aufgehört ;-) .Wichtig ist für mich nur, ausreichend Vitamin B12 zu supplementieren, da, soweit mir bekannt ist, B-Vitamine über die Muttermilch so weitergegeben werden wie die Mutter sie mit der Nahrung aufnimmt und da vegane Nahrungsmittel i.d.R. sehr wenig bis gar kein B12 enthalten (angereicherte Lebensmittel wie diverse Cerealien, Sojamilch oder Säfte ausgenommen) ist es notwendig, hier auf eine gesicherte Versorgung zu achten. Unser Kinderarzt war, als er erfuhr, daß wir zwar vegan leben (was erst Bedenken in ihm aufkommen ließ) aber dies nicht "blind" tun, sondern uns mit Ernährung ausreichend beschäftigt haben, ebenfalls sofort beruhigt und zeigte sich seitdem sogar eher interessiert an veganer Ernährung.
Was mir immer wieder sehr geholfen hat, waren (und sind noch immer) die Stillgruppen, die Jalan und ich gern und nach Möglichkeit auch oft besuchen. Ich denke, daß wir auch dadurch erst gar keine schwerwiegenderen Probleme mehr hatten, denn allein der Erfahrungsaustausch mit anderen stillenden Müttern und das Wissen, bei Problemen eine Anlaufstelle zu haben, stärken doch sehr. Erwähnenswert ist hier noch, daß natürlich in jeder Stillgruppe über kurz oder lang das Thema "vegane Ernährung in der Stillzeit" diskutiert wurde und ich zwar viele interessierte Fragen beantworten, aber mich kein einziges Mal rechtfertigen musste, geschweige denn einer Meute von lynchlustigen Müttern gegenübersah, die mir hätten erzählen wollen, daß es nicht möglich ist, vegan zu leben und zu stillen. Im Gegenteil: schon des öfteren wurde ich um Rezepte gebeten und hatte sehr konstruktive Gespräche zum Thema Kinderernährung.
Vegane BeikostAls Jalan sechs Monate und ein paar Tage alt war, boten wir ihm das erste Mal etwas Kürbisbrei an, er kostete zwar neugierig, aber dabei sollte es vorerst bleiben. Glücklicherweise machte ich mir deswegen keine Sorgen, hatte ich doch mittlerweile einiges abseits der 08/15-Ratgeber ("Nach vier Monaten sind die Eisenspeicher Ihres Kind fast leer und nun braucht es nahrhaften Gemüse-Fleischbrei." kreisch) gelesen und wußte, daß es Kinder gibt, die sich sehr viel Zeit lassen, bis sie anfangen, "richtig" zu essen. So boten wir Jalan zwar mittags immer wieder Brei an, aber eine Wende seine eher geringe Eßlust betreffend gab es erst, als wir nach gut vier Wochen den ersten Hirsebrei mit Apfelmus und etwas Rapsöl (Hirse ist das eisenreichste Getreide und Apfelmus enthält immer noch einiges an Vitamin C, so daß das für vegane Babys die wahrscheinlich optimale Einstiegs-Getreidemahlzeit ist) anboten. Darauf stürzte er sich fast schon regelrecht, dieser Brei blieb lange sein Lieblingsessen. Da aufgrund familiärer Vorbelastung das Risiko, Allergien zu entwickeln, für Jalan etwas höher ist, gaben wir ihm bis zum zehnten Monat kein glutenhaltiges Getreide und führten neue Nahrungsmittel generell sehr vorsichtig ein, also eines nach dem anderen, um eventuelle Unverträglichkeiten feststellen zu können. Da Milch und Eier bei allergiegefährdeten Säuglingen sowieso nicht auf der Speisekarte stehen, unterschieden sich Jalans vegane Beikostmahlzeiten also nur, was den Gehalt an Leichen angeht, von denen anderer Babys. Und daß Eltern ihren Babys kein "Fleisch" anbieten, sondern das zumindest auf das Kleinkindalter verschieben, scheint, wie wir in Krabbel- und Stillgruppen mitbekamen, gar keine so große Seltenheit zu sein.
Mit gut zehn Monaten wurde Fingerfood so richtig interessant für Jalan, ab da wollte er immer mehr am Tisch mitessen und natürlich am liebsten das, was Achim und ich auch aßen. So kamen wir also zu einer ziemlich radikalen Umstellung unserer Geschmacksgewohnheiten ;-): kein Soja, superwenig Salz und Gemüsebrühe, dafür mehr frische Kräuter, kein helles Mehl mehr und schon gar keines aus Weizen, dafür jede Menge Experimente mit Dinkelmehl und leckeren Vollkorn-Dinkelnudeln. So bekam Jalan in dem Alter das erste Mal Haferbratlinge – und er liebte sie! Bald folgte noch Grünkern, und Gemüse wollte er von da an nur noch in Stücken, natürlich ganz weich gedünstet, essen. Mit elf Monaten verweigerte er auch morgens und abends seinen Brei, ab da mußte Brot her; wir fanden glücklicherweise schnell einen Bäcker, der veganes reines Roggenvollkornbrot ohne Körner macht, ebenso fanden wir Toast aus Dinkelmehl. Für dieses Alter geeignete Aufstriche gibt es in jedem Bioladen, man muß eben nur schauen, daß sie nicht zu stark gewürzt sind. Sonnenblumenaufstrich mit frischen Kräutern wie Schnittlauch und Petersilie ist auch super. Unser veganes Kind liebt außerdem Blattsalate, Gurken, Paprika, ja sogar Radieschen, Mangold und Grünkohl, er stürzt sich auf fast alles, was wir ihm so an "gesunden Sachen" anbieten. Natürlich kennen auch wir diese Phasen, daß Kartoffeln, Karotten oder anderes auf einmal "bäh" sind, aber bisher gingen solche Phasen schnell wieder vorbei; sicher nicht zuletzt deswegen, weil wir ob der großen Auswahl an alternativen Nahrungsmitteln (und weil er mit Muttermilch sowieso noch fast alle Nährstoffe bekommt, die er braucht) ziemlich gelassen blieben. :-)
Mittlerweile, mit vierzehn Monaten, ißt Jalan außer Soja, Zitrusfrüchten und Nüssen (Weizen nur selten und wenig) eigentlich alles mit, was wir als Eltern so essen, wir würzen halt nur sehr sparsam. Trotzdem ist das Stillen für ihn nach wie vor superwichtig; ich kann es zwar nur schätzen, denke aber, daß er mindestens 50% seines Energiebedarfs immer noch durch Muttermilch deckt, und das tags wie nachts. Auch wenn ein Kind am Familientisch mitißt, ist das Stillen nach Bedarf weiterhin sehr wichtig.
Kürzlich hatte uns alle die Grippe erwischt, und auch da war das Stillen wieder sehr hilfreich: während wir Erwachsenen gut zwei Wochen damit zu kämpfen hatten, war Jalan nach wenigen Tagen wieder fit. Er hatte einfach seinen Muttermilchkonsum gesteigert und damit jede Menge Antikörper von mir abbekommen. Und auch wenn er nicht krank ist, sondern in anderen für ihn schwierigen Situationen, greift er (manchmal im wahrsten Sinne des Wortes ;-)) immer wieder gern auf die Brust zurück. Beim Zahnen, wenn er gerade etwas Neues lernt oder einfach nur, wenn er in stressigen Situationen eine kurze Auszeit braucht. Das ist eine große Hilfe für mich als Mutter, die ich meinem Kind immer noch überall Nahrung, Nähe und Trost geben kann, und gibt auch Jalan enorm viel Sicherheit. Der spanische Kinderarzt Dr. Carlos González geht in seinem Buch "Mein Kind will nicht essen" auch kurz auf vegane Ernährung von Kindern ein und schreibt dazu, daß vegane Kinder nach Möglichkeit mindestens zwei bis drei Jahre gestillt werden
sollten. Allerdings deckt sich das sowieso mit den Aussagen der WHO, die eine Stillzeit von zwei Jahren empfiehlt und darüber hinaus solange, wie es Mutter und Kind gefällt.
Warum ich das noch erwähne? Weil es uns sogar sehr gefällt und ich hoffe, daß wir noch eine ganz lange Stillzeit vor uns haben. :-)
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